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Gruppenfoto von der Subzone-Gemeindefreizeit 2017

Warum Ich? Meine Werte

Meine Werte

Sie ist (m)ein ständiger Begleiter, sie spielt in allem was ich tue eine leitende Rolle und doch verstehe ich oft erst aus der Retrospektive, worin genau sie besteht und was sie bestimmt: Meine Identität. Wir machen uns in diesen Wochen mal wieder auf den Weg unter die Lupe zu nehmen, was hinter diesem Containerbegriff (=viel verwendet und jeder schmeißt an Bedeutung rein, was er gerade so denkt) steckt.

Ein Denker, der sich auf der Grenze zwischen Soziologie und Philosophie in der Identitätsforschung verdient gemacht hat, ist Charles Taylor (siehe z.B. sein Wälzer „Quellen des Selbst“). Er macht deutlich, dass wir erst ein Gefühl dafür bekommen, wer wir sind, wenn wir wissen, was essentiell wichtig für uns ist, was Wert hat. Dahinter steckt die Vorstellung, dass jeder von uns in einen sozialen Raum hineinwächst, der voller Bedeutungen (für uns) steckt. Unser Ich wird geformt, indem wir zwischen den Bedeutungen werten und einiges für wertvoller erachten, als anderes. Es geht also im tiefsten um die Frage: Wie sieht lebenswertes Leben aus?

Soweit zur Theorie. Wichtig ist vor allem die These Wer weiß, was ihm essentiell wichtig ist, bekommt ein Gefühl dafür, wer er ist. Wer weiß, wer er ist, unterscheidet also zwischen Wichtigem und Unwichtigem.

Wenn Du jetzt an Pizza, Kaffee und Italienurlaub denkst, kann ich Dich verstehen, doch Taylor hält uns vor: Um solche Unterscheidungen geht es nicht. Sie sind in seinen Worten „schwache Wertungen“. Sie sind eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ihr alleiniges Kriterium ist, ob sie gerade von mir gewünscht werden oder nicht.

Es kann z.B. sein, dass Du gerade gerne Kuchen im Café essen, aber auch die Sonne im Park genießen möchtest. Beides gleichzeitig geht nicht, also musst Du Dich entscheiden und wirst möglicherweise erst in den Park gehen (um die Sonne nicht zu verpassen) und danach ins Café.

Starke Wertungen hingegen sprechen eine Sprache der Kontraste („was ist edel? Was gemein? was ist mutig? was ist feige? was ist umsichtig, was ist blind?“). Starke Wertungen beziehen sich auf Eigenschaften, die an sich erstrebenswert sind. Wenn Du es erstrebenswert findest mutig zu sein, kannst Du das Mutig-Sein nicht auf später mal (wenn die Sonne nicht mehr scheint) verschieben.

Unsere starken Wertungen lassen durchleuchten, wie wir gerne sein möchten, welchen Charakter wir anstreben. Deshalb sprechen wir beispielweise davon, dass ein alter Freund, der mit dem bricht, was ihm einst heilig war, „irgendwie nicht mehr derselbe ist“.

 

Unser Werte-Menü

Es sollte allerdings nicht der Eindruck entstehen, wir könnten unsere Werte völlig frei wählen. Eher sitzen wir einem Restaurant, das sich einer Küchentradition zuordnet und können nur zwischen den ihm Rahmen der Menükarte angebotenen Werten wählen. Da gibt es einige an denen wir einfach nicht vorbeikommen. Aus Taylors Texten kann man heraus lesen, dass (mindestens) folgende Werte in unserer Zeit als erstrebenswert gelten:

  • Universelle Achtung und Gerechtigkeit
  • Authentizität
  • Streben nach Selbstverwirklichung und expressiver Erfüllung
  • Ideal der selbstbestimmten Freiheit und Autonomie
  • Vermeiden von Leiden

Die Vermengung dieser Werte hat einen paradoxen Nebengeschmack: Auf der einen Seite wird jedes Individuum herausgefordert selbst zu entdecken, was für es essentiell ist. Auf der anderen Seite haben aber viele Menschen das Gefühl, sie würden ihr Leben vergeuden, wenn sie eben nicht diesen Werten entsprechend (das heißt authentisch und autonom) leben.

Das deutet schon darauf hin, dass wir zwar wirklich nach einem selbstbestimmten und authentisch (uns treu bleibenden) Leben streben können, aber dass dieses sich gleichzeitig an Werten außerhalb von uns orientiert (also nicht nur selbstreferentiell sein kann). Das klingt etwas hochtrabend, ich versuche es anhand der folgende Beispiele zu verdeutlichen.

Eine denkerische Tradition, die für die individuelle Wahl des Lebens einsteht, ist der Existentialismus. Der Existentialismus erzählt eine Rahmengeschichte, die anhand von dem Film „Club der toten Dichter“ erklärt werden kann.

 

Existentialismus à la Club der toten Dichter:

  • „Geworfen-sein in die Welt“ – jeder Mensch wird ungefragt in das Leben geschmissen
  • „Man macht das so“ – Neil Perry bekommt von seinen Eltern auferlegt Medizin zu studieren (Werte: Gehorsam und Sicherheit)
  • „Vorauseilen zum Tode“: Durch seinen Lehrer versteht Neil, dass er selbst irgendwann sterben wird und deswegen auch selbst sein Leben in die Hand nehmen sollte und darf („Carpe diem“)
  • Ich mache das so – er wählt gegen den Willen seiner Eltern das Theaterspielen (Authentizität und Selbstverwirklichung sind ihm wichtiger als Gehorsam und Sicherheit)

In der „carpe diem“ (irgendwann bist Du tot, deshalb lebe den Tag) Rahmenerzählung macht es absolut Sinn den Werten Authentizität, Autonomie und Selbstverwirklichung höchste Anziehungskraft einzuräumen. Wir sehen hier, wie die Rahmengeschichte (woher? wohin?) die Werte einordnet.

Aus christlicher Perspektive möchte ich an dieser Stelle die beschreibende Ebene verlassen und selbst werten. Ich persönlich möchte hinter die in Club der toten Dichter gefeierten Werte nicht mehr zurück. Aber ich habe gleichzeitig das Gefühl, dass wir sie überschätzen. Denn aus christlicher Perspektive glaube ich eigentlich an eine andere Rahmengeschichte.

 

Rahmengeschichte 2: Existentialismus à la „Club der Jesus-Nachfolger“

  • Gewollt-sein in die Welt
  • „Man macht das so“
  • Zurückeilen zu Tod und Auferstehung (alle Werte, die Paulus und Jesus gepredigt haben, waren in die Rahmengeschichte eingebettet, die kurz gefasst lautet: Gott der Schöpfer dieser Welt will sie für sich zurück gewinnen und zeigt in Person von Jesus seinen wahren Charakter. Durch seinen Tod und Auferstehung bezwingt er das große Nichts, den Tod und Gottes neue Welt beginnt schon in dieser Alten.)
  • Ich mache das so

In dieser Rahmengeschichte macht es Sinn, dass die oben genannten Werte nicht alleine stehen, sondern relativiert werden. (Zumindest) von Demut (Gott gegenüber, das heißt einer Haltung, die Gott zutraut, dass er besser weiß, was gut für den Menschen ist, als er selbst) und Nächstenliebe. Mein Gefühl ist, dass auch Christen oft der „carpe diem“ Rahmengeschichte nacheilen und deshalb Demut und Nächstenliebe sich eher Autonomie und Authentizität unterordnen müssen.

4 Gedanken zu “Warum Ich? Meine Werte”

Christina

Wie kamst du auf Demut und Nächstenliebe? Gehen nicht ggf. auch andere Werte wie z.B. Liebe zu Gott oder auch Verantwortungsgefühl unter?

Marko Jesske

Gute und berechtigte Frage, Christina! Ich habe versucht ein Minimalpaket zu schnüren, in dem die grundlegendsten Werte drin stecken. Sie sollen zum einen aus der christlichen Rahmengeschichte hervorgehen und zum anderen über die in der Spätmoderne vorherrschende Werte hinausgehen. „Liebe zu Gott“ ist sicherlich ein ganz grundlegender Wert, der bei mir in dem Fall unter Nächstenliebe fällt (ich weiß, das ist nicht ganz trennscharf, aber aus christlicher Sicht impliziert meiner Meinung nach Nächstenliebe – noch stärker: bedingt Nächstenliebe – Gottes- und Selbstliebe.
Demut, wie ich sie in dem Text beschreibe, geht meiner Meinung nach tiefer als „Verantwortungsgefühl“, denn sie lässt zu, dass eine äußere Instanz mir etwas zu sagen hat. Sie relativiert also die Selbstbestimmtheit, die den spätmodernen Werten zugrunde liegt. Verantwortungsgefühl braucht die äußere Instanz nicht unbedingt und ist deshalb nicht so grundlegend.

Rehbekka

Das ist so spannend, was Ihr das schreibt. Ich selbst assoziiere in der Demut sofort die Liebe zu Gott und in der Nächstenliebe das Verantwortungsgefühl (zum Beispiel gegenüber anderen Menschen etc.). Somit war das für mich auch beides enthalten.
Versteht Ihr was ich meine?

Christina

Danke für die schnellen Kommentare. Ich konnte mir grad eben auch eure Predigt anhören und somit den Text hier insgesamt besser nachvollziehen ;)

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Jesaja 49,13

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1.Korinther 1,30

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