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Gruppenfoto von der Subzone-Gemeindefreizeit 2017

Öffentlich Glauben?

„Der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß“, so titelte Charlie Hebdo ein Jahr nach dem Attentat auf die eigene Redaktion in Paris.

Charlie Hebdo - Der Möder ist immer noch auf freiem Fuß

Wer? Der wahre Täter! Gott! Religion!

Gott (Und hier geht es nicht nur um den muslimischen Gott – hier geht es um Gott, in all seinen Formatierungen) ist der wirklich Verantwortliche für die Anschläge, weil er Menschen dazu anstiftet gewalttätig zu werden. Gott und der Glaube an ihn müssen verschwinden, damit Frieden herrschen kann – ganz oder zumindest in den Privatbereich.

Hinter der Forderung steckt die Grundfrage: Wie können wir in Frieden zusammen leben? Für das Pariser Satiremagazin ist klar: Gott muss weg. Er muss von der menschlichen Vernunft inhaftiert und gerichtet werden. Eine These, die seit vielen Jahren in Europa Hochkonjunktur hat – wie sich zeigen wird, nicht ganz zu Unrecht. In einem ersten Schritt will ich verstehen, woher die Angst vor Religion rührt (denn: eigentlich sind wir Christen doch ganz nett, oder?). In einem zweiten Schritt möchte ich dafür plädieren, warum christlicher Glaube sich trotzdem gerade in der Öffentlichkeit entfaltet und einen groben Rahmen dafür abstecken.

Wenn sich zwei streiten..

Ein gewisser René Descartes sitzt an seinem Philosphiertisch und fragt sich: Woher bekomme ich Gewissheit über meine Erkenntnis? Woher weiß ich, dass die Dinge so sind wie ich sie sehe (Matrix Verdacht)? Was, wenn alles ganz anders ist? Was, wenn alles, das ich gelernt habe, nicht trägt? Dass er genau in dieser Zeit so fragt, ist nicht nur ein Gedankenspiel, sondern geht tiefer. In diesen Jahren tobt der Krieg, der 30 Jahre dauern und allein die deutsche Bevölkerung von 18 auf 6 Millionen Menschen reduzieren wird. Ein Krieg, in dem sich religiöse und machtpolitische Fragen nicht mehr auseinander dividieren lassen. Eine schier endlose Schlacht, in der sich Menschen gegenseitig umbringen, einfach nur weil sie der falschen Religion angehören.

Wenn der Glaube an Gott dazu führen kann, dass sich Menschen gegenseitig umbringen, dann braucht es eine verlässliche Quelle, die nicht gewalttätig wird – einen neutralen Platz, jenseits der religiösen Bindungen und Loyalitäten. Danach sucht Descartes und findet seinen neutralen Boden, sein Fundament, in der Einsicht: Eine Sache gibt es, an der man nicht mehr zweifeln kann: Dass ich selbst es bin, der da zweifelt („Cogito ergo sum“).

Während sich also evangelische und katholische Herrscher um den Thron der Deutungshoheit streiten, nimmt mit den Jahren ein „neutraler Schiedsrichter“ ihren Platz ein: die „desengagierte Vernunft“ (wie es Charles Taylor nennt).

Hier geht es doch nur um die instrumentalisierte Religion, oder?

Anderes Beispiel: 1553 wird der Theologe Miguel Servetus zum Tode verurteilt und bei lebendigem Leibe verbrannt. Vorwurf: die Lehre, die er verbreitet entspricht nicht der Wahrheit. Der Ankläger: Johannes Calvin – der große Schweizer Reformator. Keiner der anderen Reformatoren legte Einspruch ein.

Sam Harris, eine laute Stimme des Atheismus ist aufgrund solcher Ereignisse überzeugt: „Höchste Ziele legitimieren alle, auch die furchtbarsten Mittel“.

 

Der Vorwurf lautet also: Religion selbst instrumentalisiert und wird übergriffig bis aufs Blut.

 

Was haben die Alternativen zustande gebracht?

Nun ein kurzer Blick auf die weitere Entwicklung des modernen Projekts „Frieden durch desengagierte Vernunft“. Nach den teilweise katastrophalen Ereignissen des 20. Jahrhunderts, glauben nicht mehr Viele an DIE Vernunft als DAS Allheilmittel. Vielmehr sind wir auch ihr gegenüber skeptisch geworden (Vernunft: Was ist das eigentlich? Und wer legt fest, was vernünftig ist? Ach ja, die Vernunft selbst…). Die desengagierte Vernunft – den absolut neutralen Boden – gibt es nicht, jede Vernunft ist involviert. Die Vernunft alleine ist nicht in der Lage Frieden zu stiften.

Auch die anderen großen Visionen fürs 20. Jahrhundert haben sich als Albträume entpuppt: Nicht nur Religion, sondern auch andere Ideologien wie der Marxismus, Kommunismus, Nationalsozialismus sind mit höchsten Zielen angetreten und haben diesen viele Menschenleben geopfert. Mit Karl Popper kann man resümieren: „Der Versuch den Himmel auf Erden einzurichten, erzeugt stets die Hölle.“

Unsere Zeit – die Spät- oder Postmoderne – charakterisiert deshalb eine tiefe Skepsis gegenüber höchsten Zielen und großen Begriffen, die Absolutheitsanspruch erheben.

Warum Glaube sich in der Öffentlichkeit entfaltet

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück: Wie können wir in Frieden zusammen leben? Ein kurzer Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass bisher kein Ansatz allein in der Lage war Frieden zu schaffen. Auf dieser ernüchternden Erkenntnis aufbauend, sollte sich der christliche Glaube wieder auf den Weg in die Öffentlichkeit machen, weil:

Gott selbst seinen Frieden – Schalom (viel mehr als nur Abwesenheit von Gewalt – es geht um Versöhnung und Heilung) in diese Welt bringt und Kirche von ihm das Privileg und den Auftrag bekommen hat, mitzumachen

Kirche ganze bei sich selbst ist, wenn sie unter anderen lebt. Wenn sie mit anderen das Leben teilt, entdeckt sie, was sie selbst trägt und lernt ihren eigenen Gott besser kennen

Christlicher Glaube der Geschichte des gewalttätigen Gottes eine andere entgegenstellt: Gott selbst hat so großes Interesse an den Menschen, dass er in die Nachbarschaft zieht und einer von ihnen wird. Viele stehen seiner Zuwendungslust, seinem ungeheuren Anspruch und seinen Lehren so misstrauisch gegenüber, dass sie ihn töten wollen. Statt sich gegen sie zu währen, lässt er es zu. Christen haben eine andere Geschichte zu erzählen. Die Geschichte eines Gottes, der für seine Feinde stirbt, der nicht kommt um einzunehmen, sondern um zu bitten: Lasst euch versöhnen mit mir (so reagierten Beispielsweise die Marburger Medien auf Charlie Hebdo: http://www.gottistanders.de/)

Gott ist anders - nicht auf der Flucht

Gottes neue Welt nicht absehbar, analysierbar oder herleitbar ist, sondern pure Überraschung. Deshalb braucht sie eine Stimme, die von ihr erzählt

 

Voraussetzungen, unter denen öffentlicher Glaube Gehör finden kann

Mittlerweile sitzen viele Glaubensarten und Vernunftsformatierungen auf dem Thron. Wie verhalten sich Christen dazu? Mit welchem Anspruch treten sie auf? Versuchen sie wieder in königlicher Autorität die Deutungshoheit zurück zu gewinnen?

 

Bettler statt Könige

Aus eigener Erfahrung kann ich schließen: Auch Christen wissen bei weitem nicht alles, sind nicht in jeder Situation stark, leben in der gleichen Situation wie alle anderen – abhängig (von Gesundheit, Zeit, Land, Beziehungen) und ohne absolute Sicherheiten. In diesem Sinne sind sie eher Bettler, als Könige. Aber Bettler, die jemanden kennen, der täglich kommt und mit ihnen das Essen teilt. Das christliche an ihrem Dasein ist, dass sie diesen „jemand“ kennen dürfen und von ihm weiter erzählen können. Das meint Paulus, wenn er sagt: „wir verkünden nicht uns selbst – sondern Christus“. (2 Kor4,6)

 

Dicker statt dünner Glaube

Miroslav Wolf hat in „Öffentlicher Glaube“ eine hilfreiche Unterscheidung geliefert. Er entgegnet der Forderung nach weniger Glaube im öffentlichen Leben, mit der Bemerkung, dass es stattdessen mehr brauche. Wie meint er das? Er unterscheidet zwischen einem dünnen Glauben, der sich aus dem religiösen Baukasten bedient, um die eigene Persönlichkeit und den eigenen Status zu festigen (wie ein Soldat, der den eigenen Sieg religiös begründet oder wie Calvin, der seine Position festigt) und einem dicken Glauben. Dicker Glaube orientiert sich nicht nur an erstrebenswerten Zielen, sondern immer auch an der Art wie Jesus selbst gelebt hat – nämlich gewaltfrei und friedfertig.

Glaube, der Gewalt für eigene höchste Ziele instrumentalisiert ist in dem Sinne zu wenig Glaube. Wenn die Art und Weise wie Christen mit Fremden umgehen nicht von Jesu Haltung geprägt ist, sind Worte nur dick aufgetragener Käse – ohne Belag und Boden.

 

Schmale, statt dick aufgetragene Worte

An die zweite These anknüpfend, braucht es statt der großen Worte, eher schmale, zurückhaltende. Statt sich alles wissend auf den Thron der Weltendeutung zu setzen, können Christen die Geschichte Gottes mit dieser Welt und vor allem mit ihnen selbst erzählen und dann Gott die Wirkung überlassen.

Dabei ist es wichtig die darin vorkommenden Metaphern zu überdenken (wo z.B. von „Land einnehmen“, „herrschen“ und „Reich aufbauen“ die Rede ist, verdunkelt das eher Gottes Charakter, als dass es seine Friedfertigkeit erhellt – Siehe auch „Metaphern können töten“: http://www.zeit.de/zeit-wissen/2012/06/Sprache-Worte-Wahrnehmung/seite-2).

3 Gedanken zu “Öffentlich Glauben?”

Vielen Dank für diese Predigt! Ich kenne eure Gemeinde zwar nicht, aber finde die aufgeworfenen Fragen sehr spannend, weil ich selbst seit Langem an der Frage knabbere, welche Sprache Gott zumindest nicht um 180° verfehlt.
Mir wäre es wichtig, das in Bezug zum Bilderverbot zu sehen. Denn Gott verbietet uns zum Glück, ihn einfach abzubilden. Das geht regelmäßig schief (König, alter Mann –> Zeus). Stattdessen müsste man wohl versuchen, Bilder zu finden, die Veränderung zulassen. Nur dann kann man Gott sagen, ohne ihn „in Worte zu fassen“, also irgendwo festzusetzen und zu sagen: So ist er.
Ich finde, das Kreuz ist ein solches Wort, das sehr klar, aber nie festgelegt ist. Auch der logos, von dem Johannes spricht. Und sicherlich die Beschreibung von Gott als der Liebe. Das sind Metaphern, die nicht Standpunkte vermitteln, auf denen Gott sich aufzuhalten hat.
Aber alles das sind große, dick aufgetragene Worte. Und ich glaube, dass wir auf diese Worte nicht verzichten sollten. Sicher, man kann mit solchen Worten viel begründen. Nicht nur Gutes. Aber ich weiß nicht, ob wir überhaupt noch von Gott reden können, wenn wir uns nur mit den kleinen Worten zufrieden geben.

Marko Jesske

Hi Fabian,
Danke für deinen Kommentar. Ich gebe dir im Hinblick auf das Bilderverbot definitiv recht. Es gebietet uns dehnbare Metaphern zu finden, in denen Gott genug Platz zum Atmen und um sich weiter zu bewegen bleibt. Und ich muss Dir auch zustimmen, dass wir von Gott in dick aufgetragenen Worten sprechen – gerade, wenn wir ihn „die Liebe“ nennen. Allerdings will ich von Gott nicht nur abstrakt sagen, dass er die Liebe ist, sondern ich will erzählen, wie sich zeigt, dass er die Liebe ist. Ich will nicht einfach vom „Kreuz“ sprechen, sondern die Geschichte vom Kreuz erzählen. Das ist ein kleiner, aber sehr feiner Unterschied, wie ich finde. Die dick aufgetragene Variante tritt mit abstrakten Begriffen, aufgeladen mit ganz viel (nicht wirklich festgelegter) Bedeutung auf. Die schmale Variante erzählt konkret und kann dann schließen: „deshalb nenne ich ihn Liebe“.

Okay, da bin ich mit Dir sehr einig. Geschichten sind nämlich eine Form, in der man von Gott sprechen kann, ohne zu bebildern. Und am besten sind die Geschichten, aus denen der Erzähler gar keine Lehre ziehen muss, sondern jeder es von selbst erkennt (Gleichnisse etc.).
Und natürlich: Worte aneignen. Wenn ich Kreuz sage, was will dieses Wort aus meinem Leben machen.

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Termine & Events

Termine für 2018

Mittwochmorgengebet

Wir treffen uns in kleiner Runde (meist 3 – 5 Leute) unter der Woche (meist mittwochs) von 7.30 – 8.45 zum gemeinsamen Gebet im Zentrum Frankfurts (in der Regel in einem Café in der Nähe des Willy Brandt Platzes). Komm gerne dazu und gönn Dir die Fokussierung! Schreib dazu einfach eine kurze Mail an Gebetstreffen[at]subzone.org

 

Heutige Losung

Ich breite meine Hände aus zu dir, meine Seele dürstet nach dir wie ein dürres Land.

Psalm 143,6

Jesus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.

Matthäus 11,28

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