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Gruppenfoto von der Subzone-Gemeindefreizeit 2017

Jetzt erst recht: visionär

Nur wenigen Menschen wird diese Ehre zuteil. Der große Künstler höchstpersönlich hat zur Vernissage geladen. Auf Facebook und Instagram teilen die Geladenen stolz ihr Vorrecht mit der digitalen Welt. Unisono heißt es: Was für ein Glück dabei sein zu dürfen.“ Man malt sich aus, wie wohl die Komposition der Gemälde aussehen wird. Man kann den Duft des Essens fast schon riechen und spekuliert über die Weinwahl. Doch bis zur Vernissage dauert es noch eine Weile und mit der Zeit werden auch die Posts weniger. Und in den Köpfen der Geladenen verblassen die Farben der Bilder und der Duft des Essens verweht.

Endlich ist es soweit. Ein Mitarbeiter des Künstlers kommt persönlich vorbei um die Geladenen nochmal an das Fest zu erinnern. Die erste Rückmeldung ist verblüffend. Gerade der erste Gast, der so mit seiner Anmeldung geprahlt hatte, sagt ab.

Gerade ist extrem viel los. Ich habe auf der Arbeit so ein Projekt und deswegen leider leider keine Zeit.“

Die zweite Geladene hatte dem Künstler in vielen Nachrichten ihre Vorfreude bekräftigt. Als der Mitarbeiter vor ihrer Tür steht, schaut er in ein gestresstes Gesicht:

„Gerade ist extrem viel los. Wir haben uns eine Wohnung gekauft und müssen jetzt unbedingt erstmal renovieren.“

Auch der dritte Gast schlägt die Einladung spontan aus.

„Gerade ist extrem viel los. Ich habe auch erst kürzlich geheiratet und meine Frau und ich brauchen jetzt erst mal Zeit für uns.“

 

Die Schwerkraft des Alltags

Die Schwerkraft des Alltags hat die Vision des schönen Fests entzaubert. Sie hat die Farben verblassen und den Duft verfliegen lassen. Aber völlig visionslos ist auch die Schwerkraft des Alltags nicht. Sie malt ihre eigene Vision: Einfach mal in Ruhe gelassen werden.

Eine Vision ist ein Sehnsuchtsbild aus der Zukunft, das über das, was wir heute sehen uns spüren hinaus geht und uns anzieht. Ich vermute einfach mal in Ruhe gelassen werden“ ist eines der populärsten Sehnsuchtsbilder unserer Gesellschaft. In Zeiten der Unsicherheit, wie wir sie gerade erleben und in Zeiten in denen die großen Visionen sich als Traumblasen oder Albträume entpuppt haben, scheint die sinnvollste Vision die der persönliche Ruhe zu sein.

Da liegen die Worte einer Sophie Scholl sofort quer im Magen. In „die letzten Tage“ findet sich ein Auszug, in dem sie darüber reflektiert, wie sich das Nazidenken und Handeln in Deutschland durchsetzen konnte:

„Der wahre Schaden entsteht durch jene Millionen, die überleben wollen. Jene ehrenwerten Menschen, die nur in Ruhe gelassen werden möchten; die nicht wollen, dass ihr kleines Leben von etwas größerem als ihnen selbst durcheinander gebracht wird. Jene ohne Ecken und Kanten. Jene, die nie aus eigener Willenskraft handeln, aus Angst davor, über ihren Schatten zu springen. […]. Der gemäßigte Mensch geht so an das Leben heran: Hält man es klein, verliert man auch nicht die Kontrolle darüber.“

Sie schleudert uns (in die Worte des Philosophen Gadamer übersetzt) entgegen: Euer Horizont ist zu klein! Das heißt: Ihr überschätzt das Naheliegende. Ihr überschätzt euer alltägliches Leben. Eure Vision ist zu klein, denn sie antwortet nur auf den vorhandenen Alltag.

Scholls Worte hallen in mir nach. Es ist eher ein Dröhnen – ich brauch jetzt erstmal meine Ruhe. Kein Scherz, der Anspruch der aus diesen Worten spricht, ist so groß, er wirkt fast erdrückend.

Ich kenne die Sehnsucht nach Ruhe selbst nur zu gut. Und ich weiß, dass es Zeiten gibt, die sind so voll, dass alles was über die Aufgaben hinausgeht, die der Alltag bereit hält, zu viel ist. Problematisch ist allerdings: Unsere Zeit tendiert dazu, dass immer alles gerade zu viel ist.

Namen wie Sophie Scholl erwecken den Eindruck, man müsse auch ein Held der Geschichte werden. Doch dazu fordert sie uns gar nicht auf. Viel mehr ermutigt sie uns Teil einer Geschichte zu sein, die größer ist als wir selbst.

Deshalb stellt sich mir die Frage:

Wie könnte eine Vision aussehen, die das Naheliegende zwar wertschätzt, aber wirklich über es hinausgeht?

Und wie kann diese Vision wach gehalten werden?

 

Die Einladung

Jesus erzählt so eine Geschichte, als er mit anderen Lehrern zu Tisch liegt und einer ihm zuruft: „Was für ein Glück, wenn man beim Festessen in Gottes Reich (was damit gemeint ist, davon wird gleich noch die Rede sein) dabei sein darf.“ Nachzulesen ist sie in Lukas 14,15 ff (z.B. hier: http://www.ngue.info/online/lesen?book=42&search=&chapter=14)

Ich hab den Satz von vorhin noch im Ohr:

Gerade ist extrem viel los. Ich habe leider keine Zeit…“

Das Fest war lange angekündigt, aber jetzt gerade passt es einfach nicht rein. Die Gründe sind weder an den Haaren herbei gezogen, noch illegitim. Acker, Ochsen und Ehe – alles braucht seine Zeit und ist wichtig. Doch irgendwie ist in aller Geschäftigkeit die Vision vom großen Fest verblasst. Die Menschen überschätzen ihre täglichen Aufgaben und haben kein Gefühl mehr dafür, was diese Einladung eigentlich verspricht.

Warum bringt Jesus diese Geschichte? Scheinbar hat der Zwischenruf etwas in ihm getriggered. Er antwortet mit dieser beispielhaften Geschichte und schließt: „Denn eines sage ich euch: Von jenen Leuten, die ursprünglich eingeladen waren, wird keiner etwas von meinem Festessen bekommen.“ Das Festessen von dem in der Geschichte die Rede ist, ist sein Festessen. Jesus selbst sieht sich als Gastgeber des Festessens im Reich Gottes.

In der Geschichte spricht er eine Warnung an den euphorischen Zwischenrufer aus. „Pass auf, dass Du das Naheliegende nicht unterschätzt.“

Warum denn jetzt „unterschätzen“? War nicht eben vom Überschätzen die Rede? Doch, hier passiert beides gleichzeitig. Aber der Reihe nach.

 

Das Sehnsuchtsbild

Das Reich Gottes war das große Sehnsuchtsbild der Juden. Ihr Gott kommt wieder zurück und zwar so, dass keiner es übersehen kann: Er stellt die ursprüngliche Schönheit der Welt wieder her, er allein wird verehrt und Gerechtigkeit und Frieden sind spürbar, ja schmeckbar, indem alle gemeinsam an einem überwältigenden Bankett teilnehmen. Diese Vision hat ein Prophet namens Jesaja beschrieben (Jeseja 25,6-8, hier nachzulesen: http://www.bibleserver.com/text/LUT/Jesaja25).

Nun behauptet dieser Jesus, der mit dem Zwischenrufer zu Tisch liegt: „Dieses Fest von dem Du sprichst – mein Fest.“ Jesu zentrale Botschaft war: „Gottes Reich ist nicht fern, es ist zu euch gekommen – in meiner Person. An dem was ich sage und tue könnt ihr es erleben.“ Gerade indem Jesus mit den Ausgestoßenen und Kleingehaltenen der Gesellschaft den Tisch teilte, nahm die große Vision Gestalt an.

Die Einladung zum Festessen ist eine Metapher für das Reich Gottes. Gott als großzügiger Gastgeber lädt alle zum Festessen ein und fordert dazu heraus mit Nebensitzern und sogar vermeintlichen Zaungästen zu teilen ohne Angst zu haben zu kurz zu kommen.

Kurz bevor Jesus die Geschichte erzählt, rät er denen, die mit ihm zu Tische liegen: Ladet doch nächstes Mal nicht nur eure Freunde ein, sondern Arme und Fremde – Menschen, die es euch nicht zurück zahlen können (Lukas 14, 12 ff).

Also nochmal: Gott als großzügiger Gastgeber lädt alle zum Festessen ein und fordert dazu heraus mit Nebensitzern und sogar vermeintlichen Zaungästen zu teilen ohne Angst zu haben zu kurz zu kommen.

Warum ist jetzt also von Unterschätzen die Rede?

Der Zwischenrufer wartet auf die ferne, glorreiche Zukunft, während Jesus mit ihm den Tisch teilt. Das eine Naheliegende unterschätzt er (das Festessen, das gerade an seinem Tisch stattfindet) und das andere Naheliegende überschätzt er (die alltäglichen Aufgaben).

Glücklich, wer dabei sein darf.

Stimmt.

Aber vor allem: Glücklich, wer spürt, dass er jetzt schon dabei ist.

Ist das nicht ein wenig zu euphorisch? Schließlich ist die Vision, wie sie der Prophet Jesaja formuliert, bei weitem nicht der Ist-Zustand.

Stimmt auch.

Deshalb nimmt ein anderer Prophet im Buch Offenbarung den Gedanken auf und projiziert ihn auch nach Jesu Lebzeiten in die Zukunft (Offenbarung 21 1-4, http://www.bibleserver.com/text/LUT/Offenbarung21) .

 

Jetzt mal konkret

Wie könnte eine Vision aussehen, die das Naheliegende zwar wertschätzt, aber wirklich über es hinausgeht?

Und wie kann diese Vision wach gehalten werden?

 

Die Vision lebt, die Einladung steht und glücklich ist, wer dabei sein darf. Gott lädt ein Teil einer Geschichte zu sein, die größer ist als wir selbst. Teil der großen Geschichte des Festessens. Er lädt dazu ein in der Hoffnung auf eine neue Welt zu leben.

Uns wird angeboten das Alltägliche in Relation zu dieser Vision zu stellen – es also nicht zu überschätzen. Und wir sind herausgefordert das Naheliegende (dass sein Reich schon begonnen hat) nicht zu unterschätzen.

 

Wie kann das gehen, wenn der Alltagsstress mal wieder als einzige Vision des ruhigen Plätzchens unter Palmen (oder wahlweise in den Bergen) zulässt?

Hier nun das Allheilmittel.

Nicht.

Aber ein guter Anfang, wie ich finde: Gib dieser Vision – der Festschmausvision (oder wie auch immer Du sie nennen möchtest) – Raum in deinem Alltag.

Gerade in stressigen Zeiten, kann es so gut tun einfach ein paar Minuten alles liegen zu lassen und einfach nur da zu sein. In dem Bewusstsein, dass Gott gerade hinter, vor, in und für mich ist. Er ist der Gastgeber, der (wie beispielsweise in Psalem 23) mir täglich den Tisch „im Angesicht meiner Feinde“ (ich denke dabei z.B. an Sorgen) deckt.

Gottes Einladung steht immer noch.

Ich hab gute Erfahrungen damit gemacht, mir inmitten von stressigem Alltag ein paar Minuten Zeit für einen Abschnitt aus den Evangelien zu nehmen und den einfach mal runter zu lesen, wie ein gutes Buch. Das malt die Vision immer wieder vor Auge und lässt das Naheliegende besser einschätzen. Aber die Worte („Neuer Himmel, neue Erde…“) können auch sehr weit hergeholt und realitätsfremd erscheinen, sodass es naheliegender erscheint ganz beim Naheliegenden zu bleiben.

Stimmt schon wieder irgendwie.

Aber: Eine Vision geht eben über das, was wir heute spüren und sehen hinaus. Gerade deswegen kann sie ja was.

Wer in einer Bar jemanden trifft, der sein Interesse weckt und sich daraufhin ausmalt, wie es wäre mit diesen Menschen zu kennen, der geht möglicherweise auf gut Glück wieder in diese Bar. Wer sich ausmalt, wie es wäre einen bestimmten Ort zu bereisen, der bucht einfach mal die Tickets, ohne schon das ganze Geld für die Reise angespart zu haben. Vision bringt in Bewegung, deswegen ist es so wichtig, welche Vision wir uns vor Augen halten.

Und welche Vision wir vor Augen haben, dafür sind wir alleine zuständig. Trotzdem wirkt dieses Sehnsuchtsbild einfach übergroß.

Aber – Gott sei Dank – ist es nicht unsere Aufgabe die ganze Vision ins Leben zu rufen. Erst kürzlich hat Slavoj Zizek in einem Interview mit ZEIT Campus gesagt:

„Wir wollten uns immer bewusst sein, dass die konkreten politischen Probleme, mit denen wir uns befassen, Teil einer globalen Situation sind. Der Kampf gegen TTIP, Umweltschutz, WikiLeaks, das ist alles miteinander verknüpft. Wenn wir auf die große Revolution warten, wird gar nichts passieren. Wir sollten also an spezifischen Konflikten hier und dort partizipieren […]. Wir machen das eine, und etwas Größeres wird dadurch entstehen.“

Es ist unsere Aufgabe uns gegen die Schwerkraft des Alltags zu wehren, indem wir uns vor Augen halten, was unser Teil in der großen Geschichte ist. Zum Schluss also eine kleine Übung in Sachen Visionieren (als Anschauungsmaterial kann diese laudatio dienen https://www.youtube.com/watch?v=2OcPbITKItk ): Stell Dir vor in 30 Jahren wird Dir eine solche Laudatio gewidmet. Über welchen Inhalt würdest Du Dich am meisten freuen?

Termine & Events

Termine für 2018

Mittwochmorgengebet

Wir treffen uns in kleiner Runde (meist 3 – 5 Leute) unter der Woche (meist mittwochs) von 7.30 – 8.45 zum gemeinsamen Gebet im Zentrum Frankfurts (in der Regel in einem Café in der Nähe des Willy Brandt Platzes). Komm gerne dazu und gönn Dir die Fokussierung! Schreib dazu einfach eine kurze Mail an Gebetstreffen[at]subzone.org

 

Heutige Losung

Jauchzet, ihr Himmel; freue dich, Erde! Lobet, ihr Berge, mit Jauchzen! Denn der HERR hat sein Volk getröstet und erbarmt sich seiner Elenden.

Jesaja 49,13

Christus Jesus wurde für uns zur Weisheit durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung.

1.Korinther 1,30

© Evangelische Brüder-Unität – Herrnhuter Brüdergemeine
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