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Leben als letzte Gelegenheit: Durchatmen statt Schnappatmung

Wir haben am Sonntag an der Bucket-List reloaded gebastelt. Normalerweise funktioniert das so: Schreibe alle Dinge auf, die du noch erleben möchtest, bevor Du den Löffel abgibst (Man kennt das beispielsweise aus dem Film „Das Beste kommt zum Schluss“). Unsere Version: Schreibe die Dinge auf, die Du loslassen lernen möchtest, bevor Du den Löffel loslässt.

Aber der Reihe nach…

Loslassen gehört zum Grundrhythmus des Lebens. In jedem Atemzug müssen wir Luft loslassen, um neue zu erhalten. Wer Schiss hat, dass keine neue Luft mehr nachkommen könnte und deshalb an seiner Luft festhält, verbraucht sich selbst.

Beim Atmen haben das die meisten von uns schon einigermaßen gelernt Loszulassen. In anderen Lebensbereichen ist das in der Regel viel, viel schwerer. Und doch steckt das gleiche Grundgeheimnis dahinter: Nur wer loslassen kann, kann auch wieder empfangen. Nur wer loslassen kann, verbraucht sich nicht selbst.

Jesus erzählt mal eine Geschichte von einem Mann, der viel Reichtum anhäuft und letzten Endes doch sterben muss und nichts mitnehmen kann (Lukas 12,16-21).

Ein Klassiker, ist schon Vielen passiert.

Er nennt den Mann einen „Narr“, weil er schnappatmiger Weise davon ausgeht, dass alles sein ist. „Mein Leben, meine Ernte, meine Scheunen…“. Ich vermute mal Du könntest in den großen „Mein“-Song einsteigen.

Was ist eigentlich das Problem dabei? Jesus erinnert zwischen den Zeilen daran, dass unser Leben (er nennt das „unsere Seele“) nicht uns selbst gehört. Sie ist uns von Gott geliehen.

Jede Seele wurde von Gott eingehaucht (schau mal in 1. Mose 2,7 nach). Jede Seele ist ein Stück von Gottes Atem, der in uns atmet und den wir eines Tages an ihn zurück hauchen. Daran erinnert schon jeder einzelne Atemzug.

Durchatmen lernen könnte also das große Projekt des Lebens sein. Das Leben, alles was uns gehört, mit jedem Atemzug loslassen – in der Hoffnung, dass wir es im nächsten wieder empfangen dürfen.

Für mich ist das eine spirituelle Grundhaltung, die ich ganz praktisch immer wieder einübe. Ich lasse einzelne Dinge, Themen, Menschen, die mir wichtig sind los und hoffe, dass ich sie wieder aus Gottes Hand zurück bekomme. Das gibt dem kurzatmigen Tremolo mit dem ich oft durchs Leben gehe, eine Portion Beruhigung und Fokussierung mit. Die macht mich freier das was ich habe, nicht verkrampft festzuhalten, sondern entweder bewusst für diesen Moment für mich zu genießen oder mit anderen zu teilen.

Wer mehr zu dem Thema erfahren möchte, kann hier reinhören: http://www.gemeinde-frankfurt.de/predigt (Leben als letzte Gelegenheit).

Warum Ich? Meine Werte

Meine Werte

Sie ist (m)ein ständiger Begleiter, sie spielt in allem was ich tue eine leitende Rolle und doch verstehe ich oft erst aus der Retrospektive, worin genau sie besteht und was sie bestimmt: Meine Identität. Wir machen uns in diesen Wochen mal wieder auf den Weg unter die Lupe zu nehmen, was hinter diesem Containerbegriff (=viel verwendet und jeder schmeißt an Bedeutung rein, was er gerade so denkt) steckt.

Ein Denker, der sich auf der Grenze zwischen Soziologie und Philosophie in der Identitätsforschung verdient gemacht hat, ist Charles Taylor (siehe z.B. sein Wälzer „Quellen des Selbst“). Er macht deutlich, dass wir erst ein Gefühl dafür bekommen, wer wir sind, wenn wir wissen, was essentiell wichtig für uns ist, was Wert hat. Dahinter steckt die Vorstellung, dass jeder von uns in einen sozialen Raum hineinwächst, der voller Bedeutungen (für uns) steckt. Unser Ich wird geformt, indem wir zwischen den Bedeutungen werten und einiges für wertvoller erachten, als anderes. Es geht also im tiefsten um die Frage: Wie sieht lebenswertes Leben aus?

Soweit zur Theorie. Wichtig ist vor allem die These Wer weiß, was ihm essentiell wichtig ist, bekommt ein Gefühl dafür, wer er ist. Wer weiß, wer er ist, unterscheidet also zwischen Wichtigem und Unwichtigem.

Wenn Du jetzt an Pizza, Kaffee und Italienurlaub denkst, kann ich Dich verstehen, doch Taylor hält uns vor: Um solche Unterscheidungen geht es nicht. Sie sind in seinen Worten „schwache Wertungen“. Sie sind eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ihr alleiniges Kriterium ist, ob sie gerade von mir gewünscht werden oder nicht.

Es kann z.B. sein, dass Du gerade gerne Kuchen im Café essen, aber auch die Sonne im Park genießen möchtest. Beides gleichzeitig geht nicht, also musst Du Dich entscheiden und wirst möglicherweise erst in den Park gehen (um die Sonne nicht zu verpassen) und danach ins Café.

Starke Wertungen hingegen sprechen eine Sprache der Kontraste („was ist edel? Was gemein? was ist mutig? was ist feige? was ist umsichtig, was ist blind?“). Starke Wertungen beziehen sich auf Eigenschaften, die an sich erstrebenswert sind. Wenn Du es erstrebenswert findest mutig zu sein, kannst Du das Mutig-Sein nicht auf später mal (wenn die Sonne nicht mehr scheint) verschieben.

Unsere starken Wertungen lassen durchleuchten, wie wir gerne sein möchten, welchen Charakter wir anstreben. Deshalb sprechen wir beispielweise davon, dass ein alter Freund, der mit dem bricht, was ihm einst heilig war, „irgendwie nicht mehr derselbe ist“.

 

Unser Werte-Menü

Es sollte allerdings nicht der Eindruck entstehen, wir könnten unsere Werte völlig frei wählen. Eher sitzen wir einem Restaurant, das sich einer Küchentradition zuordnet und können nur zwischen den ihm Rahmen der Menükarte angebotenen Werten wählen. Da gibt es einige an denen wir einfach nicht vorbeikommen. Aus Taylors Texten kann man heraus lesen, dass (mindestens) folgende Werte in unserer Zeit als erstrebenswert gelten:

  • Universelle Achtung und Gerechtigkeit
  • Authentizität
  • Streben nach Selbstverwirklichung und expressiver Erfüllung
  • Ideal der selbstbestimmten Freiheit und Autonomie
  • Vermeiden von Leiden

Die Vermengung dieser Werte hat einen paradoxen Nebengeschmack: Auf der einen Seite wird jedes Individuum herausgefordert selbst zu entdecken, was für es essentiell ist. Auf der anderen Seite haben aber viele Menschen das Gefühl, sie würden ihr Leben vergeuden, wenn sie eben nicht diesen Werten entsprechend (das heißt authentisch und autonom) leben.

Das deutet schon darauf hin, dass wir zwar wirklich nach einem selbstbestimmten und authentisch (uns treu bleibenden) Leben streben können, aber dass dieses sich gleichzeitig an Werten außerhalb von uns orientiert (also nicht nur selbstreferentiell sein kann). Das klingt etwas hochtrabend, ich versuche es anhand der folgende Beispiele zu verdeutlichen.

Eine denkerische Tradition, die für die individuelle Wahl des Lebens einsteht, ist der Existentialismus. Der Existentialismus erzählt eine Rahmengeschichte, die anhand von dem Film „Club der toten Dichter“ erklärt werden kann.

 

Existentialismus à la Club der toten Dichter:

  • „Geworfen-sein in die Welt“ – jeder Mensch wird ungefragt in das Leben geschmissen
  • „Man macht das so“ – Neil Perry bekommt von seinen Eltern auferlegt Medizin zu studieren (Werte: Gehorsam und Sicherheit)
  • „Vorauseilen zum Tode“: Durch seinen Lehrer versteht Neil, dass er selbst irgendwann sterben wird und deswegen auch selbst sein Leben in die Hand nehmen sollte und darf („Carpe diem“)
  • Ich mache das so – er wählt gegen den Willen seiner Eltern das Theaterspielen (Authentizität und Selbstverwirklichung sind ihm wichtiger als Gehorsam und Sicherheit)

In der „carpe diem“ (irgendwann bist Du tot, deshalb lebe den Tag) Rahmenerzählung macht es absolut Sinn den Werten Authentizität, Autonomie und Selbstverwirklichung höchste Anziehungskraft einzuräumen. Wir sehen hier, wie die Rahmengeschichte (woher? wohin?) die Werte einordnet.

Aus christlicher Perspektive möchte ich an dieser Stelle die beschreibende Ebene verlassen und selbst werten. Ich persönlich möchte hinter die in Club der toten Dichter gefeierten Werte nicht mehr zurück. Aber ich habe gleichzeitig das Gefühl, dass wir sie überschätzen. Denn aus christlicher Perspektive glaube ich eigentlich an eine andere Rahmengeschichte.

 

Rahmengeschichte 2: Existentialismus à la „Club der Jesus-Nachfolger“

  • Gewollt-sein in die Welt
  • „Man macht das so“
  • Zurückeilen zu Tod und Auferstehung (alle Werte, die Paulus und Jesus gepredigt haben, waren in die Rahmengeschichte eingebettet, die kurz gefasst lautet: Gott der Schöpfer dieser Welt will sie für sich zurück gewinnen und zeigt in Person von Jesus seinen wahren Charakter. Durch seinen Tod und Auferstehung bezwingt er das große Nichts, den Tod und Gottes neue Welt beginnt schon in dieser Alten.)
  • Ich mache das so

In dieser Rahmengeschichte macht es Sinn, dass die oben genannten Werte nicht alleine stehen, sondern relativiert werden. (Zumindest) von Demut (Gott gegenüber, das heißt einer Haltung, die Gott zutraut, dass er besser weiß, was gut für den Menschen ist, als er selbst) und Nächstenliebe. Mein Gefühl ist, dass auch Christen oft der „carpe diem“ Rahmengeschichte nacheilen und deshalb Demut und Nächstenliebe sich eher Autonomie und Authentizität unterordnen müssen.

Jetzt erst recht: visionär

Nur wenigen Menschen wird diese Ehre zuteil. Der große Künstler höchstpersönlich hat zur Vernissage geladen. Auf Facebook und Instagram teilen die Geladenen stolz ihr Vorrecht mit der digitalen Welt. Unisono heißt es: Was für ein Glück dabei sein zu dürfen.“ Man malt sich aus, wie wohl die Komposition der Gemälde aussehen wird. Man kann den Duft des Essens fast schon riechen und spekuliert über die Weinwahl. Doch bis zur Vernissage dauert es noch eine Weile und mit der Zeit werden auch die Posts weniger. Und in den Köpfen der Geladenen verblassen die Farben der Bilder und der Duft des Essens verweht.

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Jetzt erst recht: vergeben II

  1. Muss ich mir seine Vergebung jetzt also doch verdienen?

Ein Blick in die Geschichte, die Jesus erzählt (du erinnerst dich, die aus Matthäus 18 ab Vers 23), kann uns bei dieser Frage weiterhelfen. Versetzen wir uns mal in die Lage des Schuldners. Was passiert nachdem ihm seine astronomische Schuld erlassen wird?

Nichts.

Keine Reaktion. Kein Danke. Kein Zeichen besonderer Freude (zumindest nicht so, dass es Jesus Wert wäre kostbare Erzählzeit dafür zu opfern).

Das ist auffällig. Warum?

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Jetzt erst recht: vergeben

Gerade läuft wieder ein großer Rachefeldzug-Streifen in den deutschen Kinos (the revenant). Was da auf persönlicher Ebene durchexerziert wird, versuchen ganze Länder gegen den IS: Gerechtigkeit herstellen, Ausgleich schaffen. Angesichts des erfahrenen Leids ist der Ausgleichsimpuls legitim (ohne selbst so etwas erlebt zu haben, möchte ich nicht sagen „verständlich“). Da kommt der christliche Impuls zu vergeben fast stiefmütterlich daher.

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Termine & Events

Termine für 2017/2018

Mittwochmorgengebet

Wir treffen uns in kleiner Runde (meist 4 – 6 Leute) jeden Mittwoch von 7.30 – 8:45 Uhr zum gemeinsamen Gebet in den Büroräumen der Subzone. Gönn Dir die Fokussierung! Wenn Du gerne vorbei kommen möchtest, schreib am besten vorher eine kurze Mail (marko.jesske[at]subzone.org).

Heutige Losung

Der HERR, dein Gott, hat dich gesegnet in allen Werken deiner Hände.

5.Mose 2,7

So ist nun weder der etwas, der pflanzt, noch der begießt, sondern Gott, der das Gedeihen gibt.

1.Korinther 3,7

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